Schmutzige Dunnschtig – ein Mögginger Feiertag

Für viele ist es der Höhepunkt des Jahres, Manchen ist der Tag ein Ärgernis. Auf jeden Fall ist es für Eingeborene und viele Zugezogene ein jährlich wiederkehrendes Highlight mit festen Programmpunkten und einem närrischen Fahrplan, dessen Einhaltung trotz großer Bemühungen des Narrenvereins nicht immer gänzlich gelingt. Der Tag ist geprägt von bunten Kostümen, reichlichem Essen und Trinken und viel sympathischem närrischen Chaos. Er wurde wunderbar beschrieben in einem Beitrag von Bernd Honsel für das Mögginger Narreblättle 2021, als wegen Corona kein normaler Schmutzige Dunnschtig möglich war:



Die Tradition des Schmutzigen Dunnschtig

Ein Blick zurück von Bernd Honsel

 
Narrenbaum-Aufstellen - Ralf Stolz


Mit Traditionen ist das so eine Sache: Für den einen geht ohne sie die Welt unter, für den anderen sind sie völlig bedeutungslos oder gar ein Ärgernis. Dies gilt gerade in diesem Jahr auch für unseren geliebten Mögginger Schmutzige Dunnschtig. Eingebettet in die Jahrhunderte alte Tradition der Fastnacht, sind die Mögginger Narren besonders stolz auf Ihren jährlichen Höhenpunkt und es besteht einhellig die Meinung, dass es wohl in keinem anderen Ort einen vergleichbaren Tag geben kann. Zeit, diesen Tag in Möggingen auf seinen Traditionsgehalt zu prüfen. Ein direkter Vergleich mit anderen Orten ist dem Autor mangels Kenntnis der dortigen Gepflogenheiten nicht möglich und könnte sich nur auf Hörensagen stützen.
 
Doch zurück zur Tradition: Diese beginnt in vielen Orten mit dem sogenannten Wecken durch den Fanfarenzug (FZ), aber an kaum einem Ort so früh wie bei uns, zumindest gemäß Zeitplan. Das Ziel ist es ja, mit dem Marsch des FZ durch alle (wichtigen) Straßen, die Einwohnerschaft zu wecken und musikalisch auf den Tag einzustimmen. Das Problem an der Sache ist, wer weckt die FZ-Mitglieder?
 
Und so ist es lange Tradition, dass das Wecken durch den FZ eben mit 20 Minuten Verspätung beginnt. Verspätungen ziehen sich übrigens wie ein roter Faden durch den Mögginger Schmutzige Dunnschtig und gehören dazu, wie die Mohrenköpfe bei Familie Nägele oder das Eierbrot beim BUND: Für Manche bedeutungslos, für Manche ein Ärgernis!
 
Ist der Fanfarenzug dann mal in Marsch gesetzt, ist er kaum noch zu bremsen, es sei denn nach 300 Metern stehen die ersten Geweckten bereits mit lautem Narri Narro am Umzugsweg und locken mit einem lustigen Getränk. Irgendwann aber ist der FZ auf Betriebstemperatur, das Dorf geweckt und man begibt sich zum wohl verdienten (ersten) Frühstück.
 
Unterdessen bereitet sich die Traditionsgruppe der Holzer auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe vor. Diese besteht ausschließlich darin, einen Baum an Ort A (= Wald), möglichst in einem Stück zu fällen und an einem Ort B (=Narrenbaumloch) wieder aufzustellen. Dass dies trotz Tradition und jahrelanger Übung nicht immer ganz einfach ist, zeigen Beispiele aus der Vergangenheit: Mal landet der Baum in 2 Teilen am Boden, mal steckt der Spezialtransport in einer Kurve fest, mal verlassen die Holzer die Kräfte und der Baum wird beim Stellen kurzfristig nochmal „abgelegt” oder die Konfettibombe zündet nach erfolgreichem Ausloten des Baumes in die Senkrechte nicht. Haben die Holzer dann letztendlich ihre Manneskraft unter Beweis gestellt, gibt es hin und wieder vermeintlich lustige Zeitgenossen, die sich ein Spaß mit dem Ansägen des Baumes machen - glücklicherweise keine Tradition!
 
Bevor aber das Baumstellen gemäß festem zeitlichen Ritus an der Reihe ist, treffen sich die Elfer (in Möggingen traditionsgemäß weniger als 11), die Welsfresser (traditionsgemäß noch etwas verschlafen) und der Fanfarenzug (traditionsgemäß zu spät) zum Vereinsfrühstück in der Halle. Nicht vergessen möchte ich an dieser Stelle die Ordnungsbehörde, vertreten durch die Einmann- bzw. Einfraugruppe des Narrenpolizisten. Dessen Aufgabe besteht darin, die weniger lustigen unter den Narren mit lautem Narri Narro und kräftigem Schellen der Glocke aufzuheitern (drogenfrei). Als weitere Aufgabe obliegt ihm, für die Einhaltung des straffen Zeitplans zu sorgen, was wie oben bereits erwähnt, traditionsgemäß fast unmöglich ist.
 
Gestärkt durch belegte Brote und Bouillon mit Ei, geht es zum ersten Höhepunkt, der traditionellen Schülerbefreiung. Die Narren marschieren unter lautem Fanfarenspiel erst in die Schule ein, befreien die Schüler, beurlauben im Anschluss die Erzieherinnen im Kindergarten und ziehen dann (nach dem dritten Frühstück) mit der gesamten Narrengesellschaft ins Dorf - so zumindest die ursprüngliche Tradition. Hier finden wir ein gutes Beispiel dafür, wie sich Traditionen schleichend verändern können, bis sie kaum wieder zu erkennen sind. Schule und Schüler gibt es nicht mehr und somit auch nichts zu befreien. Die gewachsene Schar der Kindergartenkinder steht inzwischen abholbereit vor der Tür und das dritte Frühstück entfällt, was wiederum dem Zeitmanagement und den städtischen Reinigungskosten zugutekommt.
 
Bevor es nun zum traditionellen Betteln geht, treffen sich alle Mögginger Narren im Dorfzentrum. Zum ersten (und einzigen) mal, ist die gesamte Pracht aller kostümierten Gruppen auf einem Fleck zu sehen. Unter den vielen tollen, selbst gestalteten oder bei Buttinette selbst gekauften Kostümen, wird dann sogleich ausgelotet, wer jetzt wohl die zweit- und drittschönsten sind - traditionell sind die Fanfarenzügler die schönsten, hier sticht wiederum die Untergruppe der Bässe hervor.
 
Nachdem dies geklärt ist, könnte es mit dem Betteln im Dorf losgehen, doch gibt es in Möggingen ja den Herrn Baron und so ist es alter Brauch, dass zunächst alle Narren den beschwerlichen Weg ins Schloss auf sich nehmen müssen (aus langjähriger Erfahrung als Tambourmajor immerhin exakt 1728 Schritte). Dem Institut sei Dank, tummeln sich dort inzwischen auch seltene Vögel aus aller Welt, was den Mögginger Schmutzige Dunnschtig natürlich auch international aufwertet. Doch kaum angekommen drängt der Narrenpolizist auf den Abmarsch - ein letzter aussichtsloser Versuch, den Zeitplan einzuhalten. Deshalb schnell noch einen Selbstgebrannten vom Herrn Baron, ein Dank an die Familie von Bodman und die Vogelwarte für die Bewirtung und los geht's zurück ins Dorf.
 
Jetzt stellt sich die seit Jahrzehnten diskutierte Frage, beginnt man im Oberdorf oder im Unterdorf, wohingegen die Entscheidung „Hänne oder Dänne vum Bach” noch nie zur Diskussion stand. Vermutlich, weil Hänne vum Bach die meisten Neubürger wohnen, die sich traditionsgemäß eher selten ans Fenster stellen und Zuckerle rausschmeißen. Jedenfalls wurde dann, um das ein für alle Mal zu klären, im närrischen Rat festgelegt: In einem Jahr so herum und im nächsten andersherum.
 
Angeführt vom Rattenfänger ziehen nun die Kinder von Haus zu Haus und versuchen ihr Zuckertüten zu füllen. Alle anderen ziehen ebenfalls von Haus zu Haus und versuchen ihre Mägen zu füllen - flüssig oder fest ist jedem selbst überlassen. An kaum einem anderen Tag sind die Straßen in Möggingen so voll wie zum Bettelumzug durchs Dorf, wohl auch deshalb, weil sich diese Tradition über die Dorfgrenzen hinaus rumgesprochen hat. Ob der Zulauf aus närrischen Gründen stattfindet oder weil's halt was umsonst gibt, sei mal dahingestellt.
 
Ab sofort gewinnt der Umzug durchs Dorf an Eigendynamik: Die Kinder vorneweg kaum zu bremsen, die „Alten” hinterher, einmal eingekehrt, kaum zur Fortbewegung zu ermutigen. Der Fanfarenzug hat inzwischen Pause, ist ja keine Narrenmusik und möchte auch mal Spaß haben. Apropos Narrenmusik: Diese Tradition wurde leider vor langer Zeit mangels Musiker begraben. Es versuchen sich zwar jedes Jahr verschiedene Gruppen, den Tag musikalisch zu begleiten, aber eben auf ihre ganz eigene Art; Traditionen können ja auch neu wachsen - viel Erfolg. Hier ist zumindest auf unsere Welsfresser verlass, die die Beschallung mit ihrem traditionellen Welswagen sicherstellen (erstaunlich, dass dieser Wagen nach all den Jahren immer noch fahrtüchtig ist bzw. sich zumindest noch bewegt).
 
Jedenfalls befinden wir uns bei dem, was sich jetzt im Dorf tut, ohne Übertreibung in der Formel 1 der Straßenfasnacht: Jeder, der den Narren was anbietet, gibt sich hier die größte Mühe und versorgt die hunderten von Menschen auf das Beste. Diese wiederum haben sich ja schon Wochen und Monate auf diesen Tag vorbereitet und sich die tollsten Kostüme ausgedacht.
 
Und alle haben ein Ziel: 15 Uhr Narrenbaumstellen!
 
Da der Narrenpolizist aber inzwischen gänzlich die Kontrolle verloren hat, schaffen das viele nicht (manche kommen auch nie dort an). Die Holzer geben sich deshalb die allergrößte Mühe, das Baumstellen so zu verlangsamen, damit zumindest ein Großteil der Narren den stolzen Baum nicht erst in der Senkrechten erblickt.
 
Nachdem nun das sichtbare Zeichen der Narretei das Rathaus überragt, folgt der letzte Schritt der Machtübernahme: Die Absetzung des Ortsvorstehers.
 
Wer unseren Ortsvorsteher kennt, weiß, dass er kaum freiwillig bereit ist, sich entmachten zu lassen, weshalb ihm dieses Procedere seit Tagen im Magen liegt. Deshalb gibt's als Zeichen des Protests auch Schwarten-Magen-Orden für das närrische Volk. Trotzdem muss man aber festhalten, dass der Ortsvorsteher seine Entmachtung traditionell wortgewaltiger besiegelt als die Obrigkeit der Narren. Vielleicht liegt es daran, dass diese wissen, dass die Entmachtung aus Tradition noch immer gelungen ist. Na egal, ob viel oder wenig g'schwätzt, mangels ausreichender Beschallung versteht man meist weder den einen noch den anderen. Für die meisten essentiell ist hier auch wieder nur, dass es beim OV was zu Trinken und zu Essen gibt.
 
Nach diesem Amts-Akt steht der Nachmittag zur freien Verfügung und es ist jetzt nochmal Zeit, die Vielzahl der Kostümierten genauer zu betrachten. Hier gibt es schließlich immer wieder Überraschungen, der Tag ist ja schon lange und hat bei dem ein oder anderem Spuren hinterlassen. Da gibt es welche, deren Kostüm in letzter Minute genäht wurde, die Nähte sich aber bereits verabschiedet haben und so völlig neue Aspekte des Kostüms zu Tage treten. Andere wiederum haben das aufwändig geschminkte Gesicht durch eine Wischmaltechnik ersetzt. Traditionell gibt es natürlich auch die auf lustige Getränke zurückzuführenden Ausfallerscheinungen, die zur allgemeinen Belustigung der restlichen Narren beiträgt bzw. zu ganz neuen Blickwinkeln führt.
 
Nachdem der Nachmittag also auf dem Dorfplatz und im Jugendraum (heute ausnahmsweise von 5-99 Jahren) verbracht wird, gilt es sich am Abend nochmal in Schale zu werfen und sich im besten Nachthemd zum Hemdglonkerumzug bereit zu machen. Zum x-ten Mal ziehen die (noch verbliebene) Narren durch die Mögginger Straßen, wobei hier neuerdings dem langen Tag Rechnung getragen wird und die traditionell große Runde abgekürzt wird. Schließlich wartet als Abschluss des Tages das fast schon zur Tradition gewordene Schnitzel mit Pommes beim Hemdglonkerball in der Halle. "Ball" ist vielleicht etwas übertrieben, aber doch immer ein sehr netter Abschluss dieses traditionsreichen Tages.
 
Neben diesen vielen offensichtlichen hier beschriebenen Traditionen, gäbe es noch viele kleine, die an diesem Tag im Verborgenen stattfinden, aber dazu vielleicht ein andermal mehr.
 
Nun hoffen wir, dass im nächsten Jahr die Tradition wieder vollumfänglich stattfinden kann und nichts davon in Vergessenheit gerät. Der Tag ist perfekt... (es sei denn man würde den Zeitplan auf zwei Tage aufteilen, aber lassen wir das mit dem Zeitmanagement).







 
 
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